Wir sind traumatisiert!

Meine erste Reaktion, als das Wort Trauma in einem Buch für Adoptierte fiel, war: „das ist ja wohl übertrieben.“ Ich wollte den Absatz direkt überspringen und dort weiterlesen, wo es angenehmer wurde, zwang mich aber dazu, weiterzulesen. Ich merkte schnell, dass der Autor Recht hatte. Zur Sicherheit googelte ich noch einmal „Trauma + Adoption“ und auch hier stieß ich auf diverse Artikel, die Ähnliches berichteten.

Auf einmal öffnete sich ein riesiger Themenbereich, mit dem ich mich bisher nie beschäftigt hatte. Und eine Erkenntnis jagte die nächste. Ich bekam Erklärungen für Situationen, wie Streits, die ich bisher nie in Frage gestellt hatte. Ich war überzeugt, dass ich Recht hatte und die andere Person mich einfach nicht verstand. Egal ob im Umgang mit meinen Eltern, mit Freunden oder Partnern. Wäre mir das früher bewusst gewesen, wäre Vieles komplett anders gelaufen. Ich bin zufrieden mit meinem Leben und wie es bisher verlaufen ist, nur wäre ich mir gerne früher bewusst gewesen über meine Emotionen und die daraus resultierenden Reaktionen. Zudem gibt es sicher auch Adoptierte, die Schlimmeres erlebt haben und ein Leben lang mit sich im Konflikt stehen und in ein tiefes Loch fallen.

Aber wieso habe ich das nicht schon als Kind oder Jugendliche gewusst? Warum wurde das nie thematisiert? Weder Kinderärzte noch das Jugendamt haben meine Eltern darauf vorbereitet, welche Folgen die Trennung von der leiblichen Mutter haben kann. Vor 30 Jahren sah die Welt aber auch noch anders aus. Wie ich jetzt erfahren habe, gab es das Wort Trauma zu dieser Zeit quasi nicht und stand eher in Verbindung mit schockierenden Erlebnissen wie Unfall, Missbrauch oder Krieg. Zudem wurden psychische Probleme selten öffentlich gemacht. Glücklicherweise leben wir aber im Jahr 2021 und es findet seit ein paar Jahren ein Umdenken statt.

Aber was genau ist ein Trauma?

Das Wort Trauma klingt im ersten Moment sehr hart und sicherlich gibt es viele Adoptierte, die eine Traumatisierung bestreiten würden, aber es gibt Parallelen zwischen uns. Beim Einen mehr, beim Anderen weniger.

Der Begriff Trauma bedeutet Wunde oder Verletzung, wobei man von einem Psychotrauma spricht, wenn ein Mensch eine psychische Erschütterung erlebt, die durch ein extrem belastendes Ereignis ausgelöst wird. Erfahrungen von Gewalt und Vernachlässigung, vor allem in der Kindheit und Jugendzeit, können bei Menschen zu einer Vielzahl psychischer und psychosomatischer Symptome führen, wobei vor allem Probleme mit der Affektregulation, der Selbstakzeptanz, Scham- und Schuldgefühle sowie Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich sind. (Stangl, 2021).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2021). Stichwort: ‚Trauma‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

Wie zeigt sich ein Trauma bei uns Adoptierten?

Früher gingen Wissenschaftler davon aus, dass Babys keine Schäden durch den Verlust der Mutter erlitten haben. Sie können sich schließlich nicht mehr daran erinnern. Mittlerweile wissen wir aber, dass Kinder, egal in welchem Alter, Erlebnisse in sich speichern und vor allem genau wissen, wer die leibliche Mutter ist. Sie erkennen sie sofort am Geruch, an der Stimme, am Herzschlag oder am Atem. Es ist egal ob die Trennung am ersten Tag nach der Geburt oder erst mit vier Jahren stattfindet, die Folgen sind ähnlich. 

Typische Verhaltensmuster sind:

  • Verlustangst
  • Bindungsangst
  • Versagensangst
  • Misstrauen
  • Eifersucht
  • Angepasstheit
  • Perfektionsstreben
  • Fehlender Selbstwert
  • Vigilanz
  • Realitätsflucht
  • Rebellion

Nicht jede*r Adoptierte*r hat alle diese Symptome, beziehungsweise sind sie bei jeden unterschiedlich stark ausgeprägt. Ich erkenne mich in den meisten dieser Punkte wieder, allerdings ist die Intensität auch von meiner Stimmung abhängig. Überkommt mich in einer Situation meine Verlustangst, bin ich z.B. misstrauischer und gehe auf Distanz. Oder ich fühle mich zurückgewiesen und nicht gesehen und bin sofort tief traurig und kann meine Tränen oft nicht zurückhalten. Für mein Gegenüber ist das meist unverständlich. Aber auch ich kann mir meine heftigen Reaktionen im ersten Moment nicht erklären. 

Ursache von Traumata

Uns begleitet ein Leben lang das Wissen, dass wir nicht gewollt waren, dass wir es nicht Wert sind/waren behalten zu werden oder dass wir nicht gut genug sind. Das ist definitiv eine falsche Schlussfolgerung, allerdings die einzige logische Erklärung für ein Kind. Im Gegensatz dazu steht, dass wir für unsere Adoptiveltern absolute Wunschkinder sind, aber das gerät leicht in Vergessenheit aufgrund der negativen Erfahrungen zu Beginn unseres Lebens. Oft fühlt sich das Leben an als läge ein grauer Schleier darüber. Woher sollen wir wissen, dass das nicht der Normalzustand ist, sondern die Welt, die wir mit unseren negativen Gedanken erschaffen haben, wenn es nicht angesprochen wird? 

Wir sind soziale Wesen. Ohne Bindung können wir nicht leben. Das zeigt sich bei Neugeborenen. Sie sind auf die Pflege und Zuneigung angewiesen. Wird nun ein Baby nach der Geburt von der Mutter getrennt, beginnt eine Art Überlebenskampf. Der wichtigste Mensch unseres bisherigen Lebens (ab der Zeugung) hat uns zurückgelassen. Wir fühlen uns hilflos und auf uns allein gestellt. Dieses Ohnmachtsgefühl und den Schmerz kann leider auch kein Anderer auffangen. Mit ganz viel Liebe, Verständnis und Zuneigung kann einiges wieder gut gemacht werden, aber das gebrochene Herz bleibt. 

Während des Älterwerdens zeigen sich die ersten Anzeichen des Traumas. Es reicht schon ein Kommentar im Kindergarten oder in der Schule, die Frage wieso man anders aussieht als die Eltern oder ein falscher Blick und wir fühlen uns sofort wieder zurückversetzt in das „nicht Gewollt sein“. Bis heute kann ich mit vermeintlicher Zurückweisung in Form von Kritik oder fehlender Wertschätzung schlecht umgehen. Ich fühle mich immer angegriffen, herabgesetzt und wertlos. Rückzug, Verdrängung oder Rebellion sind weit verbreitete Anzeichen bei Kindern. 

Wie wir Negativgedanken loslassen

Das Wichtigste ist, im ersten Schritt ein Bewusstsein für unsere Gedanken zu entwickeln. Uns muss klar sein, dass in diesem Moment der Wut, Trauer oder Angst nicht der erwachsene klare Verstand aus uns spricht, sondern das verletzte Kind. Mir fällt das oft auf, wenn ich entschlossen bin, etwas zu tun und mutig sein will, dann aber durch meine Gedanken wieder ausgebremst werde, alle möglichen negativen Szenarien durchgehe, die passieren könnten und es am Ende doch lasse. Dann ärgere ich mich wieder über mich selbst und rede mich schlecht. Und so wird jeder positive Moment von meinen Selbstzweifeln überschattet. Um dem entgegenzuwirken, muss ich mein inneres Kind trösten, seine Sorgen ernst nehmen und ihm immer wieder sagen, dass wir sicher sind, dass uns nichts Schlimmes passieren kann und ich (als Erwachsene) es beschützen werde. 

Positive Affirmationen helfen uns ebenfalls uns zu bestärken. Die kurzen Sätze kannst du dir entweder anhören oder dir Erinnerungen in Handy speichern.  Sollte sich „Ich liebe mich“ oder „Ich bin stark“ für dich nicht richtig anfühlen, weil du das absolut nicht glauben kannst, verwende „ich bin auf dem Weg mich täglich mehr zu lieben“ oder „ich werde Tag für Tag ein bisschen stärker“. Mache kleine Schritte, die glaubwürdig für dich sind. Gerne teile ich mit dir meine wirksamsten Affirmationen als pdf. Melde dich hierzu zu meinem Newsletter an. 

Mit einem/-r Expert*in darüber zu sprechen, um sein Verhalten besser zu verstehen und eine andere Sichtweise zu erhalten, kann auch sehr hilfreich sein. Wir gehen wegen diversen körperlichen Beschwerden zum Arzt, warum dann nicht auch wegen seelischen? Psycholog*innen und Therapeut*innen haben lange und intensiv studiert, oder eine Ausbildung gemacht, um die Psyche des Menschen zu verstehen. Darauf können wir vertrauen und müssen nicht mit unseren Selbstzweifeln, Ängsten und allen anderen Belastungen ein Leben lang alleine zurecht kommen. 

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